STEREO 1/1992

VERGLEICHSTEST LAUTSPRECHER

von Roland Kraft

Der Lautsprechermarkt platzt förmlich aus den Nähten. Zusätzlich zum einheimischen Angebot purzeln jede Menge interessante Importboxen über unsere Grenzen. Aber vielen spielt die "Software" einen Streich...

DREIER MIT ZUSATZZAHL
Das Problem? Der Klang. Und zwar vor allem im Pop- und Rockbereich. Bei vielen Aufnahmen scheint es nur noch zwei Extreme zu geben: Mal tönt es dünn, hell und nervig, von Tieftonbereich keine Spur, und aufdringliches Hochtongezische verleidet das Hörvergnügen. Dann wieder wird effekthascherisch Tiefbass dazugemischt, dass es eine wahre Freude ist; wer gerne mal laut Musik geniesst, muss um seine Tieftöner fürchten, die zwischendurch "auf Anschlag" stehen...

Zugegeben, das Problem ist HiFi-Freunden schon lange geläufig; Schlechte oder reichlich "schräg" klingende Aufnahmen gab es schon immer. Das Walkman- und Ghettoblaster-Fieber scheint aber dazu zu führen, dass jetzt ein weit höherer Prozentsatz der Musik derart abgemischt wird, dass selbst über Minilautsprecher und Jogging-Kopfhörer ein vermeintlich "guter" Klang entsteht - und was ein nach HiFi-Gesichtspunkten ehrlicher Lautsprecher daraus macht, kann man sich denken. Die Idealvorstellung, dass eine Box mit jeder Art von Musik zurechtkommen muss, gerät ins Wanken. Beispiel: Ein Schallwandler, der, sauber abgestimmt, im Bass nicht übertreibt, ist vielleicht nicht mehr die passende Box für Popfans, deren Musiksammlung dann zumeist dünn und nervig reproduziert wird...


Klar, für sowas gibt es - oder besser: gab es - Klangregler. Dem HiFi-Fan, dem ja an einer ehrlichen Reproduktion gelegen ist, sind solche Dinge aber bekanntermassen ein Greuel. Doch stellen wir anstatt des inzwischen üblichen Gut/schlecht-Sortiervorgangs nach dem CDKauf den Spass am Musikhören in den Vordergrund. Und um den zu fördern, gibt es nur eine Möglichkeit: Den Boxenkauf mit den eigenen CDs und Platten in der Tasche angehen und ausgiebig probehören. Oder besser: die Box ausleihen und in den eigenen vier Wänden anhören. Und dann eine Entscheidung treffen, bei der eigene Hörspass ausschlaggebend ist. Der Test? Ist ein Hinweis auf eine interessante Box und eine Grundlage für die eigene Entscheidung - aber nicht Grund für einen Blindkauf.


DIE ENTSCHEIDUNGSGRUNDLAGE IST DER EIGENE HÖRSPASS

Den schnellstmöglichen Weg vom Lager über den Ladentisch sollten auch unsere vier Testkandidaten nicht nehmen, ganz gleich, ob Driade 71, Infinity RS 30 E, Piega LDS 1.0 oder Quart 800 auf der Verpackung steht. Ein Transportproblem taucht bei keiner der Boxen auf; bei allen handelt es sich um kleinformatigere Standboxen, die - mit Ausnahme der Quart 800 - nach dem Zweiwegeprinzip arbeiten. Die Driade 71, eine holländische Baßreflexbox, kann gleich mit einer Spezialität aufwarten: Sie besitzt ein dreieckiges Gehäuse. Der 25 Millimeter durchmessende Hochtöner ist unterhalb des Elf-Zentimeter- Tiefmitteltöners angeordnet. Die Niederländer setzen auf die klanglichen Vorteile simpel strukturierter Frequenzweichen, die in der Driade 71 nur sechs Dezibel Flankensteilheit besitzen. Zusätzlich verwendet man audiophile Zutaten wie etwa OFC-Innenverdrahtung und mitgelieferte Spikes. Streiten kann man über das Anschlussterminal, das ausschliesslich Bananenstecker akzeptiert, die aber ebenfalls guten elektrischen Kontakt ermöglichen.

Kunststoffmembrane: Die Piega-Hochtonkalotte ist mit einer Art Hornvorsatz ausgerüstet
Ein Mineralfaser / Kunststoffgemisch spielt seine Dämpfungseigenschaften im Piega-Tiefmitteltöner aus
Kunststoffmembrane: Die Piega-Hochtonkalotte ist
mit einer Art Hornvorsatz ausgerüstet
Ein Mineralfaser / Kunststoffgemisch spielt seine
Dämpfungseigenschaften im Piega-Tiefmitteltöner aus

Neu von Infinity kommt die RS 30 E; RS steht für Reference Series und damit für eine brandneue Chassisbestückung, die aus einem 25 Millimeter durchmessenden Polycell-Kalottenhochtöner und einem 20-Zentimeter- Tiefmitteltöner mit Kunststoffmembran besteht. Die Übergangsfrequenz zwischen bei den Chassis legten die Amerikaner auf 3000 Hertz. Vergoldete Polklemmen und mitgelieferte Spikes ergänzen die geschlossen ausgeführte, knapp 85 Zentimeter große Box. Die Piega LDS 1.0 ist ein Bassreflex-Standlautsprecher, der aus der Schweiz zu uns kommt und ebenfalls interessante Besonderheiten aufzuweisen hat: Das stabil gebaute Gehäuse ist auf den Seitenflächen mit Metallplatten belegt. Hinter den vorbildlichen Anschlussklemmen sitzt eine Frequenzweiche, an der nicht gespart wurde, auf der Platine sind ausschliesslich feine Folienkondensatoren verlötet.


PIEGA LDS 1.0: AUFWÄNDIGES GEHÄUSE MIT METALL-SEITENFLÄCHEN

Der 13-Zentimeter-Tiefmitteltöner mit Mineral/Kunststoffmembrane hat einen besonders schweren Magneten aufzuweisen, der 20-Millimeter Kalottenhochtöner ist mit einer Kunststoffmembrane ausgestattet.

Die einzige Dreiwegebox im Testfeld steuerte MB Quart bei: In der Quart 800 sind zwei gleichartige Tieftöner montiert; eines der bei den 13-Zentimeter-Chassis werkelt bis 120, das zweite bis 2900 Hertz. Bei dieser für einen Hochtöner relativ niedrigen Einsatzfrequenz übernimmt eine spezielle Titankalotte, deren Eigenresonanz durch konstruktive Massnahmen von 1500 auf etwa 600 Hertz abgesenkt wurde; ein 18-Dezibel-Hochpassfilter hält unerwünschte Signalanteile fern. Die Anschlüsse der Box verbannte man auf die Unterseite des knapp metergrossen Lautsprechers.

Auch ohne Gold vorbildlich: Die massiven Polklemmen der Piega LDS 1.0 lassen sich ganz ausgezeichnet festziehen
In der Frequenzweiche der Schweizer Box sitzen ausschliesslich hochwertige Folienkondensatoren
Auch ohne Gold vorbildlich: Die massiven Polklemmen der
Piega LDS 1.0 lassen sich ganz ausgezeichnet festziehen
In der Frequenzweiche der Schweizer Box sitzen ausschliesslich
hochwertige Folienkondensatoren

Der Hörtest bot eine handfeste Überraschung: Als ausgeglichenste Box erwies sich der niederländische Aussenseiter - die kompakte Driade 71 beeindruckte trotz des kleinen Tieftöners mit kräftigen, konturierten Bässen und homogenem Gesamtcharakter. Zudem spielte sie stets überzeugend dynamisch auf, trennte auch komplexe Klangereignisse sauber auf und klang im ehrlich ausgelegten Hochtonbereich nie Überzogen. Voraussetzung waren allerdings gute Aufnahmen; mit dem schon erwähnten "dünn" abgemischten Musikmaterial geht die Driade eher schonungslos um... Infinitys RS 30 ist diesbezüglich schon wesentlich umgänglicher: Ihr recht zurückhaltender Hochtonbereich fügt musikalische Wärme hinzu, führt aber auch zu einem noch verschmerzbaren Informationsdefizit. Im Bass ist die RS 30 knackig und rund, im Umgang mit Klangfarben gestattet sich die amerikanische Box aber hin und wieder Nachlässigkeiten. Ein ähnlich verrundendes Hochtonverhalten zeigt die Piega - sie ist zwar insgesamt noch recht ausgewogen, verrät aber Mittentonschwächen und vermag hinsichtlich der Auflösung feinster Klanggespinste nicht immer mitzuhalten. Zum Ausgleich zauberte sie genaue Bässe in den Hörraum, zeigte sich pegelfest und überspielte so ihr nicht vollends ausgeprägtes Temperament. Letzteres ist die Schokoladenseite der Quart, deren leicht überzogenes. Bassfundament wuchtig-voluminöse Fülle vorzutäuschen vermag. Dass sie es mitunter nicht allzu genau nimmt und der extrem gut auflösende Hochtöner bisweilen einen Tick zuviel des Guten tut, ist angesichts ihrer Spielfreude schon verzeihlich - sie ist der Geheimtip fiir Individualisten.
 


Piega LDS 1.0
Paarpreis ca. 1500 Mark


Plus:
+ pegelfest
+ aufwendig gefertigt
+ erstklassige Anschlüsse

Minus:
- nicht unverfärbt
- etwas dunkle, warme Wiedergabe
- könnte temperamentvoller sein

Die am Gehäuse sogar mit Metallplatten bedämpfte Schweizer Box werkelt im Bass und in den Mitten relativ ausgewogen, aber nicht ganz unverfärbt. Ihr vor allem in den Höhen sehr zurückhaltender Klangcharakter führt zwar zu stressfreiem Hörvergnügen, bewirkt allerdings ein - noch verschmerzbares - Informationsdefizit. Satte Hörpegel sind kein Problem, die Piega bleibt auch bei kritischen Passagen verzerrungsfrei, dürfte sich aber hin und wieder etwas temperamentvoller zeigen.

DATEN UND MESSWERTE

Modell

  Piega LDS 1.0
Prinzip   2 Wege, Bassreflex
Anzahl und Art der Chassis   1 TMT, 1 HT
Empfindlichkeit (86 dB in 3m)
Volt
2.77
Maximal erreichbarer Schalldruckpegel
dB
104.4
dafür erforderliche Ausgangsspannung
Volt
23
entsprechend einer Ausgangsleistung von
Watt
132.2
Maximaler Impedanzwert
Ohm
17.7
Frequenzbereich
Hz
1330
Minimaler Impedanzwert
Ohm
4.0
Frequenzbereich
Hz
174
Nennscheinwiderstand
Herstellerangabe/Messung
Ohm
4/4
Garantiezeit
Monate
72
Abmessungen (Breite/Höhe/Tiefe)   24/71/21
Preis-Gegenwert-Relation   noch gut
Qualitätsstufe   obere Mittelklasse
Ungefährer Paarpreis   1500.-

 

AUSSTATTUNG LAUTSPRECHER

Modell

  Piega LDS 1.0
Frontbespannung abnehmbar   Ja
Anschlüsse   Polklemme
Schutzschaltung   -
Sicherung für Chassis   -
Lieferumfang   -
Geräteausführungen   Weiss
Sonderausstattungen/-Zubehör   -

 


©copyright 2003